Das Fernglas und die Welt

Ich bin ein Fernglas, seit ich mich erinnern kann bin ich ein Fernglas. Zunächst wollten meine Eltern eigentlich eine kleine Brille, doch ich bin ein recht stattliches binokulares Fernglas geworden. Mein Gehäuse ist eine hochmoderne Aluminiumlegierung, die besonders leicht in der Hand liegt. Sie wissen ja, ich verweile die meiste Zeit meines Lebens in den Händen eines Menschen. Trotz der innovativen Außenhülle haben mir meine Eltern einen „antiken“ Touch verpasst, sodass mein Äußeres mit einer goldigen Hülle umgeben ist und somit den Anschein erweckt, ich wäre älter, als man sieht. Ja, ich weiß was Sie denken, ein Fernglas, das vorgibt älter zu sein als es ist … Glauben Sie nicht, dass ich meine Besitzer täusche, ich sehe nur einfach etwas klassischer aus, bin in meiner Funktion und Schärfentiefe jedoch unschlagbar. Das ist auch der Grund, warum manch andere Ferngläser aus meiner Kindheit immer etwas neidisch auf mich waren, da meistens ich aus der Schaufensterauslage geholt wurde, um betrachtet zu werden.

Mein Leben als Fernglas

Ich war schon im Besitz eines Dschungelabenteurers, der mich zum Beobachten exotischer Tiere gebrauchte. An dieser Stelle sei von mir aus angemerkt: Den Panther mochte ich am liebsten! Die Schattierungen seines Fels brachten meine Linsen in Wallungen. Später dann war ich bei der Marine und kundschaftete das Meer aus. Eine kurze Weile nahm mich dann eine feine Dame mit in ein üppiges Theater, wo ich abwechselnd Shakespeare- Aufführungen sah oder auch mal einer imposanten italienischen Oper lauschen durfte. Das war schon eine wunderbare Zeit! Nun, einige Jahre später, lebe ich bei einer jungen Frau, die mich häufiger zu Ausflügen in die Natur mitnimmt, oder sogar manchen Abend einwenig die nächtliche Ruhe ausnutzt, um die Kulisse ihrer geliebten Stadt auszukundschaften. Das macht wirklich sehr viel Spaß! Vor allem, wenn wir manchmal einen älteren Herrn sehen, der dabei ist, sich einen „etwas heißeren Film“ anzuschauen oder aber auch Kinder, die obwohl sie vorgeben friedlich in ihren Zimmern zu schlafen, fast lautlos in ihren Betten auf und ab hüpfen. Sie merken, es macht mir Spaß, mein Leben als Fernglas und ich muss gestehen, sehr froh zu sein, dass ich keine Brille geworden bin … Danke an dieser Stelle an die starken Gene meiner Großeltern, die sich durchgesetzt haben! So kann ich den Menschen ferne Dinge nahe bringen und nicht nur den ganzen Tag auf irgendeiner Nase sitzen. In diesem Sinne: Schauen Sie sich doch einmal Ihre Umgebung und die Menschen aus der Ferne an! Vielleicht kommen Sie ihnen dann noch näher.

Ihr Fernglas

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